Heaven on Earth

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by Thorsten Kadel

(only in German)

Fire Island (C) Schwarzrosagold

Fire Island (C) Schwarzrosagold

Es gibt einen Ort, an dem Amerika kaum wieder zu erkennen ist. Es gibt keine Autos, keine Malls, keinen  McDonalds und kein Fitnessstudio. Alle gehen zu Fuß und tragen Badesachen oder Drag. Rehe laufen frei umher und lassen sich füttern.

Es gibt wohl kaum einen Ort für amerikanische Schwule, um den sich mehr Mythen und Geschichten ranken, als Fire Island. Und es gibt kaum einen Ort auf der Welt, der so ist, wie Fire Island. Genau genommen sind es nur zwei Gemeinden, denen die Insel ihren Ruhm zu verdanken hat: dem bei Lesben besonders beliebten „Cherry Grove“ und dem exklusiven Homorefugium „The Pines“.

Die Geschichte von Fire Island reicht weit in die Vergangenheit zurück. Schon seit den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts galt es als sicherer Ort für Schwule, während sie überall sonstig in Amerika alleine dafür verfolgt und drangsaliert wurden, dass sie existierten. Stonewall lag damals noch in ferner Zukunft. Noch heute sind die Bewohner stolz darauf, an einem Ort zu leben, in dem Heteros eindeutig in der Minderheit sind.

So verwundert es auch wenig, dass es kaum eine Diva gibt, die nicht schon einmal auf Fire Island aufgetaucht ist. Marlene Dietrich und Marilyn Monroe lagen dort schon am Strand, Andy Warhol und Calvin Klein blickten den Jünglingen hinterher und Truman Capote hat sicher schon mehr als einen Martini  auf Fire Island getrunken.

Hier hatten die Village People ihre ersten Auftritte und Cher soll schon im Helikopter eingeflogen sein. Es konnte auch schon mal passieren konnte, dass man auf der Fähre neben Madonna saß.

Fire Island mag seine berühmtesten und seine berüchtigsten Tag schon hinter sich haben, aber noch immer gibt es wohl nirgendwo auf der Welt einen Ort, der eine entspanntere Mischung aus Wohlstand, Schwulen, Schönen und Partys bietet.

Der Weg ins Paradies ist dabei durchaus beschwerlich. Von New York führt er mit dem Zug nach mehrmaligem Umsteigen bis nach Sayville auf Long Island, von dort geht es per Taxi bis zur Fire Island Ferry, die die Besucher dann in einer halben Stunde nach Cherry Grove oder direkt nach Pines bringt.

Den restlichen Weg bis zum Haus muss man zu Fuß bewältigen – mit Gepäck und Lebensmitteln, denn in den Pines gibt es abends nur wenige Restaurants.

Und trotzdem, oder gerade deswegen, wirkt der Aufenthalt auf Fire Island ab der ersten Sekunde wie der Urlaub im schwulen Paradies.

Die Natur ist fast tropisch, Sanddünen rahmen den weiten Strand und Holzstege führen von Haus zu Haus. In der Regel wohnt man gemeinsam in großzügigen Strandhäusern. Dazu gibt es wenig Alternativen – das Übernachten am Strand ist nicht nur streng verboten, sondern auch lebensgefährlich, wie der Poet Frank O’Hara tragisch erfahren musste, als er morgens von einem Dünen-Buggy überfahren wurde.

Es gibt nur ein einziges Hotel auf den Pines, das „Ciel“, das in der Regel lange vorher ausgebucht ist und mit 300$ für zwar stilvolle, aber eher spartanisch eingerichtete Zimmer auch nicht wirklich billig ist. In Cherry Grove herrscht im Hotel Belvedere  dagegen schwülstige Üppigkeit. Das Hotel und seine Gäste sind etwas in die Jahre gekommen, aber die verblasste Pracht ist noch überall zu spüren und der Blick auf die Bay ebenso fantastisch wie der Blick aufs Hotel von der Fähre.

Wer auf der Insel ein Haus „besitzt“ stammt aus New York oder hat Freunde in New York. Besitzen bedeutet hier fast immer teilen, denn in der Regel haben die Häuser mindestens drei bis vier Schlafzimmer und können nur für die gesamte Saison gemietet werden, die von April bis September dauert. Daher erwirbt man mit oft erst zukünftigen Freunden und Bekannten in der Regel lange im Voraus ein „Share“, eben einen Anteil für ein Bett oder ein Zimmer auf Zeit.

Mancher leistet sich dazu noch einen „Houseboy“, der in der Regel ebenso die Pornofantasien anregt, wie die Veranstalter der damaligen Partyreihe in Berlin, sich aber – als Gegenleistung für seine kostenlose Unterkunft – um Haus und Einkauf kümmert und natürlich hauptsächlich leicht bekleidet den Pool säubert.

Die Häuser sind das Zentrum des Insellebens – man liegt gemeinsam am Pool, findet die Zeit, die man sonst nie hat, um Bücher zu lesen, Musik zu hören, oder zusammen zu kochen.

Hauspartys finden oft und gerne statt und können von der gepflegten Poolparty bis zur drogengekrönten Sexorgie reichen.

Ein normaler Tag auf Fire Island findet am Strand statt. Dort liegt man in der Sonne, sieht und wird gesehen, spielt man Volleyball, oder geht spazieren.

Mittags stärkt man sich in der Bay Bar, bei Burgern und leckeren Pommes und blickt von dort neugierig auf die ein- und auslaufenden Fähren, die nicht nur neue Homogäste, sondern auch attraktive Arbeiter bringt. Nicht alle sind schwul auf Fire Island, nur wer dort nicht arbeitet…

Aber der eigentliche Tag beginnt um 17h. Dann treffen sich alle im „Blue Whale“ zum Tea-Dance, der auf Fire Island erfunden wurde. Spätestens der erste Vodka Cranberry, stark gemischt von gutgebauten Jungs ohne T-Shirt, sorgt beim „Low Tea“ für das nötige Urlaubsgefühl. Selbst das Rauchen ist hier (im Freien) erlaubt, ohne die üblichen New Yorker Einschränkung, dass man dabei kein Getränk in der Hand haben darf. Bis zum „High-Tea“ um 19 Uhr gleich nebenan ahnt man, welche Freuden das Wochenende bieten mag. Dann werden aus den Vodka Cranberry dann „Britney“, die noch mehr kosten, noch süßer schmecken und noch mehr Alkohol enthalten. VJ Chloe unterhält die Gäste dabei mit einer skurillen Mischung aus Cher und Madonna Videos, Celine Dion gibt den dramatischen Hintergrund, wenn die nächste Fähre einläuft und die nächste Ladung Männer bringt.

Aus dem freundlichen Smalltalk ist längst ein intensiverer Austausch geworden, wenn zu späterer Stunde in den beiden Clubs in den Pines eine gelöste, leicht bekleidete Menge die Nacht einläutet. Beide sind kostenlos, gut besucht und laut beschallt. Die meisten Gäste haben inzwischen ihr T-Shirt ausgezogen und mancher bei der „Frisky Friday Underwear Party“ auch seine Hose – Amerika ist hier gar nicht prüde. Und obwohl überall geflirtet und geshakert wird, trotz der netten Ansichten und offensichtlichen Absichten bleibt die Stimmung entspannt – was auch daran liegt, dass nachts keine Fähren fahren, und so auch niemand mehr kommen oder die Insel verlassen kann.

So rauscht die Nacht dahin bis die Clubs schließen und Cher trällert „if I could turn back time…“

Die beiden Siedlungen Cherry Grove und Fire Island mischen sich in den Clubs kaum, aber dazwischen liegt das „Meat Rack“ in dem schon ab dem späten Nachmittag, aber mit Ende der Parties besonders heftig zwischen den Dünen und Bäumen gecruist wird. Je später die Nacht, desto größer der Trieb. So manchen zieht es dann tief in die Dünen und manchen ein wenig zu tief…Als kleine Warnung, dass auch im Paradies gefahren lauern die Geschichte von einem Schwulen auf der Suche nach der Befriedigung. Nennen wir ihn einfach Brian. Brian also zog es  – ziemlich besoffen und sicher ebenso triebig – immer tiefer hinein ins Meat Rack – sehr tief sogar und es war sicher nur der Erwartung unbeschreiblicher Vergnügungen zu verdanken, dass er nicht bemerkte, dass es immer feuchter und sumpfiger wurde. Auf einmal, ganz plötzlich, gab es ein gurgelndes Geräusch, das so gar nichts mit seiner Erwartung zu tun hatte und er steckte bis zur Brust im Sumpf. Mit einem Mal war ihm klar:

„Ich werde keinen Sex haben, ich werde sterben!“ Schreiend vor Angst war er sicher, dass jetzt alles vorbei war, Treibsand, ein qualvoller Erstickungstod im Schlamm, alleine, einfach so verschwunden von der Erdoberfläche, ohne das irgendjemand etwas davon mit  bekommen hätte.

Das schreien half wenig, aber an seiner Lage hatte sich auch nichts geändert. Und da mag Cher wieder leise in seinen Gedanken gesungen haben: „If I could turn back time!“ Und so inspiriert hat er es wohl irgendwie geschafft sich zu befreien, sonst hätten wir seine Geschichte ja auch nie erfahren…

Natürlich sind die „großen“ Feiertage auch auf Fire Island besonders: Memorial Day, Gay Pride und  Independence Day. Falls es auf der Insel jemals so etwas wie einen Normalzustand gibt, dann herrscht jetzt Ausnahmezustand: Fast alle Betten sind doppelt belegt, jeder der es irgendwie einrichten kann, kommt nach Fire Island, bei der „Invasion“ am 4.Juli kapern tausende von Drag Queens mit der Fähre die Insel. An diesen Tagen finden die Partys am Strand statt, um dem Ansturm gewachsen zu sein, und wie diese Nächste in den umliegenden Dünen enden, kann sich jeder vorstellen.

Irgendwann finden die meisten dennoch zurück in ihre Betten, schlafen einem neuen Tag entgegen, dessen Rhythmus man kennt, aber der immer die Aussicht auf eine nette Abwechslung bietet…

Es ist diese besondere Mischung aus sexueller Erregung und totaler Entspannung, aus hübschen Jungs und freundlichen New Yorkern (!), die auch noch selber kochen..

Man muss Fire Island selber erleben, um zu wissen, wie es ist…

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